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Den Prozess einfangen

Es gibt zwei Dinge, die mir auffielen, während ich Lothar bei der Arbeit beobachtete:

Das Eine ist das sich vorstellen können und das Extrahieren können solch einzigartiger Formen aus der ihn umgebenden Welt - das Verschmelzen von innerer und äußerer Anschauung -, um dann diese Form in einem rohen Stein wiederzufinden und aus dem Material herauszuschälen.

Das Zweite ist seine erstaunliche Hingabe an den Prozess. Allein aus Liebe zum Resultat lassen sich keine bedeutenden Werke in Stein schaffen. Man muss den Prozess als solchen mögen. Denn der Bildhauer ist zunächst einmal Steinhauer, und nur das Gelingen, innere Bilder zu einem Teil der realen Welt werden zulassen, macht ihn zum Schöpfer von Skulpturen.

Es war war dieser Umwandlungsprozess von Herz und Sinn zum Stein, den ich versuchte [mit der Kamera] einzufangen...

 

Bob Bagley (fotograf)

Der Bildhauer

In den Höhenlagen des Altissimo-Gebirges an der Nordwestküste Italiens berührt sich das Weiss der Wolken mit dem Weiss der in den Steinbrüchen freigelegten Marmorwände. Dies ist die luftige Heimat des Carrara Marmors, den der Bildhauer Lothar Nickel für seine Steinskulpturen verwendet, die trotz ihrer materiellen Dichte und Beständigkeit eine Affinität mit den flüchtigen Wolkengebilden aufweisen.

"Nuvola" - italienisch für Wolke - nennt der Bildhauer eine seiner Skulpturen. Der Titel ist jedoch weniger eine Anspielung auf eine äußere Ähnlichkeit als vielmehr ein Hinweis auf die Verwandtschaft, die der Künstler zwischen seiner Arbeitsweise und dem spontanen Bilden und Umbilden der Wolkenformationen erlebt. Aus feinstofflichem Wasserdampfgewebe formen sich am Himmel vollplastische Gebilde, in denen die Phantasie des Betrachters eine ganze Welt von phantastischen Tiergestalten zu erkennen vermag. Mit der gleichen spielerischen Leichtigkeit gelingt es Lothar Nickel im Gestaltungsprozess, das feste Gesteinsmaterial in flüssige Bewegung zu bringen, Formen miteinander in Beziehung zu setzen und sich zu Gestalthaftem verdichten zu lassen.

Das figurative Element ist dabei nicht Ausgangspunkt, sondern Ergebnis eines Gestaltungsprozesses, in welchem der Bildhauer bemüht ist, plastische Bewegungen und Raumgebärden zu finden, die seine eigenen Körpererfahrungen und sein Mitempfinden mit der beseelten Kreatur, sei es Tier oder Mensch, widerspiegeln. So entstehen plastische Charaktere, die nicht der Natur nachgeschaffen, sondern Erfindungen des Künstlers sind und die ihre eigene innere Lebendigkeit entwickeln. Das "Himalama", ein vom Bildhauer aus dem Marmor Himmel auf die Erde versetztes Fabelwesen, regt den Betrachter dazu an, dem Werk des Künstlers die Lebensgeschichte dieses Geschöpfes hinzuzudichten.

Lothar Nickels Schöpfunden beziehen ihre Vitalität und Vielfalt aus den spannungsvollen Gegensätzlichkeiten von roh belassenem Material und grazil verfeinerter Flächengestaltung, von vollplastischem Raumergreifen und zurückhaltender Flächigkeit, von verspielter Lebendigkeit und Ordnung schaffender Geometrie. Immer wird dabei das Material, seine Farbe und Oberflächenbeschaffenheit berücksichtigt und an der Formaussage beteiligt. Der spielerische Ernst, mit dem Lothar Nickel zu Werke geht, seine vom Material und seinen Möglichkeiten sich belehren lassende Arbeitsweise, wird vielleicht am deutlichsten bei seinen Stahlplastiken erlebbar. Hier unterwirft sich der Bildhauer der bewusst gesuchten Beschränkung, mit industriell vorgeformten Elementen zu arbeiten. Aus einem gegebenen Stück Stahlrohr entstehen durch Aufschneiden, Zerteilen und Neu-Zusammenfügen Skulpturen, in denen die Verlebendigung und Umwandlung des vom Rohr vorgegebenen zylindrischen Raumes zum Thema erhoben wird. So gerät in der Skulptur "Figurative" der Zwischenraum zwischen zwei Rohrfragmenten in erlebbare Schwingung, in der Skulptur "Wind" werden durch eine weit in die Peripherie ausgreifende Bewegung Innen-und Aussenraum in eine dynamische Beziehung gebracht.

Im spielerischen Gestalten, Fügen und Kombinieren offenbart sich mitunter auch ein humoristisches Element, wie in der Skulptur "Taurus", wo dem grobschlächtigen, erdorientierten Steinblock kühn eine nach oben offene, sichelförmig geschmiedete Stahlform aufgesetzt wird. So wie die Hörner des Stieres in scheinbarem Widerspruch zu seiner erdenschweren Massivität dem Himmel entgegenstreben, so gelingt es dem Bildhauer durch diesen Kunstgriff, die abgeschlossene Blockhaftigkeit des Steines zu überwinden und die Skulptur in den sie umgebenden, offenen Raum einzugliedern.

Der Bildhauer Lothar Nickel vereinigt in seinen Arbeiten sensibles Empfinden und sicheres handwerkliches Beherrschen des Materials mit seiner Freude am spielerischen Umgang mit den künstlerischen Mitteln. Seine Schöpfungen verzichten bewusst auf spektakuläre Effekte und äußere Monumentalität. Sie berühren den Betrachter durch ihre feine Lebendigkeit und Innerlichkeit und de durch sie hindurchscheinende Menschlichkeit des Künstlers, die das Material, in allen seinen Fasern zu durchdringen und zu verwandeln vermag.

 

Axel Ewald